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Franziskuskalender 2017

Aus dem Inhalt

Wir brauchen in unserem Leben Wegweiser. Und machen bisweilen die Erfahrung, weggewiesen zu werden … Diese beiden Aspekte drückt das Motto des diesjährigen franziskanischen Jahrbuches aus. Erfreulicherweise überwiegt dabei das Positive: die Berichte über Menschen und Dinge, die uns Wege weisen.

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Franziskuskalender 2016

Aus dem Inhalt

Texte und Gedichte von Jay Altenbach, Ulrike Blatter, Deborah Bento, Agostino Del-Pietro, Bruno Dörig, Brigitte Durrer, Barnabas Flammer, Lydia Guyer-Bucher, Gerda Hauck, Sarah L. Hauenstein, Martin Hennig, Jacqueline Keune, Niklaus Kuster, Elke Langstein-Jäger, Walter Ludin, Anke Maggauer-Kirsche, Kurt Marti, Adrian Müller, Felix Neuner, Nico Paech, Katharina Prelicz-Huber, Priska Portmann, Elisabeth Rudolf, Oktavian Schmucki, Josef Stöckli, Andreas Villiger, Udo Zimmermann.

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Reise in Luzerns Untergrund

Mit «BaBeL» ist nicht die Stadt des Turmbaus und der Sprachverwirrung gemeint. Es ist die Abkürzung des Quartiers Basel-/Bernstrasse Luzern, in dem Menschen aus 70 Ländern mit einer entsprechenden Sprachvielfalt leben. Das Quartier wird auch «Untergrund» genannt. Der Quartierbewohner Urs Häner, Theologe und Druckereiarbeiter, lädt uns zu einem ungewöhnlichen UntergRundgang ein.

Kommen Sie mit mir auf einen etwas anderen Quartierspaziergang. Schon der Name meines Quartiers verheisst Geheimnisvolles: Untergrund. Ich werde des Öftern gefragt, ob Stiefel anziehen müsse, wer mit uns auf einen «UntergRundgang» (das sind sozialgeschichtliche Führungen) kommt.

Das ist aber nicht der Fall, die Geschichten und möglichen Entdeckungen liegen quasi auf offener Strasse. Die Bezeichnung meint den «unteren Grund», das reussabwärtsliegende Gebiet ausserhalb der mittelalterlichen Stadt Luzern, so wie es übrigens auch den Obergrund gibt.

Bei den Hintersassen

Machen wir uns also auf den Weg. Startpunkt ist der Kasernenplatz, wo früher das so genannte Baslertor stand. Hier verliess man damals die linksufrige Kernstadt Richtung Norden und betrat zunächst die St. Jakobsvorstadt, das Gebiet der Zugezogenen, der Hintersassen, der kleinen Leute ohne Bürgerrechte – interessanterweise ein Kennzeichen dieses Stadtgebiets bis heute. Denn über die Hälfte der BewohnerInnen meines Quartiers besitzt keinen roten Pass.

Das Gebiet um den Kasernenplatz ist heute ein sehr unwirtlicher Ort, da sich hier der gesamte Autobahnverkehr in die Stadt ergiesst. Auch auf der Baselstrasse fahren tagtäglich Tausende von Autos in und durch unser Quartier. Wenn bisweilen schlecht über unser Quartier geredet wird, weil hier «schwierige und schlimme Leute» seien, halte ich stets dagegen, dass der schlimmste Faktor im Untergrund der ewige Strassenlärm sei. Es ist fast ein Hohn, dass der Platz vor dem Baslertor anno dazumal «Kurzweilplatz» hiess. Es wird noch viel Engagement nötig sein, dass in unserem Quartier der Verkehr eingedämmt wird und sich die Orte fürs Verweilen vermehren lassen.

«Colonialwaren-Laden»

Doch verlassen wir den Kasernenplatz und biegen ein in die Baselstrasse, die Hauptachse des Quartiers. Sich hinsetzen kann man da fast nirgendwo. Aber auch im Vorbeigehen lassen sich spannende Ecken entdecken. In einer Toreinfahrt ist beispielweise unter dem Dach ein längst verrostetes Schild montiert, auf dem mit Mühe «Lagerhaus» und etwas wie «Hochstr…» abzulesen ist.

An diesem Ort befand sich bis vor 40 Jahren die Rösterei des Kaffeeunternehmens Hochstrasser, das auf der gegenüberliegenden Strassenseite (die Häuser stehen alle leider nicht mehr) das eigene Verkaufsgeschäft führte: einen «Colonialwaren-Laden». Hier waren also all die kostbaren Köstlichkeiten aus den Kolonien käuflich erwerbbar: nicht nur Kaffee, auch Tee, Pfeffer, Zimt, Curry usw.; für teures Geld übrigens. Ein Pfund Kaffee hätte damals einen Hilfsarbeiter einen halben Monatslohn gekostet, ein unerschwinglicher Traum also.

Heute sind diese Produkte aus aller Herren Ländern wegen der viel zu tiefen Transportkosten und wohl auch wegen ausbeuterischer Arbeitsverhältnisse spottbillig. Jedenfalls ist «Hochstrasser Colonialwaren» für mich wie ein Vorbote der internationalen Läden in unserem Quartier: Allein an der Basel- und Bernstrasse befinden sich 14 ethnische Läden aus vier Kontinenten! Die Reise ins Quartier wird zu einer kleinen Weltreise …

Eine letzte Bemerkung noch zum Kaffee Hochstrasser: Bis vor einigen Jahren prangte an der Hausfassade eine Werbung – notabene mit dem «Negerli», womit Hochstrasser seine Produkte feil- bot. Diese Sorte heisst heute noch «Negerli ganz fein»! (Anm. der Redaktion: Wenn man bei der Suchmaschine Google im Internet den Begriff «Negerli» eingibt, kommt als Erster der 3450 Links «Negerli 1 kg».)

Das erinnert an das seltsam klischierte Bild, das Europa sich von Afrika und Übersee lange Zeit machte. Auch in den Kirchen muss man sich dieser Vergangenheit stellen, verband sich doch das Engagement für «die Missionen» an fast jedem Ort mit der Figur des «Nick-Negerlis», das untertänig dankend nickte, wenn man einen Batzen einwarf.

Pilgerherberge

Auch die nächste Station auf unserem Weg ins Quartier hat mit Kirchengeschichte zu tun: Ein paar Schritte weiter, wo sich heute ein grosses Parkhaus und daneben ein Parkplatz befinden, stand im Hochmittelalter das Jakobsspital: eine Herberge für Pilgerinnen und Pilger auf ihrem Weg nach Santiago de Compostela in Spanien.

Das Pilgerwesen war offenbar so bedeutsam und das Jakobsspital so stark frequentiert, dass der Name St. Jakob auf die gesamte Vorstadt überging. Man weiss, dass in einem Spitzenjahr um 1700 über tausend Pilger via Luzern nach Südwesten pilgerten – das scheint auf den ersten Blick nicht viel zu sein. Aber wenn man die damalige Grösse der Stadt auf heute hochrechnet, käme man auf etwa 16’000 PilgerInnen in einem Jahr, was doch eine beachtliche Zahl ist und als «grossartiges Werk der Barmherzigkeit» gelten darf.

Doch wir müssen weiter, sonst bleiben wir im vorderen, mittelalterlichen Teil des Quartiers stecken. Die Stadt ist gegen Ende des 19. Jahrhunderts förmlich explodiert (wie übrigens fast alle Städte Westeuropas zu jener Zeit). So wurde aus der St. Jakobsvorstadt das bevölkerungsreichste, dichtest bebaute Untergrundquartier.

«A-Quartier»

Eben bin ich noch Frau E. begegnet, einer langjährigen, älteren Bewohnerin des Quartiers. Sie ist stets mit ihrem Einkaufswägeli unterwegs. Seit einiger Zeit muss sie ausserdem ihren Stock dabei haben. Für einen kleinen Schwatz ist sie immer zu haben. Denn sie wohnt wie viele allein in einem der zahlreichen Blöcke hier.

Eine der Zuschreibungen für das Untergrundquartier lautet denn auch «A-Quartier», was nicht nur die hohe Zahl der Alleinstehen- den meint, sondern selbstredend auch die überdurchschnittlich vertretenen AusländerInnen, ausserdem die Arbeitslosen, Armen und Alkis, die es ebenfalls vermehrt hierher verschlägt.

Altes Sentispital

Inzwischen sind wir beim Alten Sentispital angelangt. Im Mittelalter befand sich hier das Siechenhaus. Später führte die Bürgergemeinde eine «Armen- und Korrektionsanstalt». Der mittlere Teil des Ensembles ist bis heute eine Kirche mit dem Heiligen Jakobus als Patron. Jeden Tag sehe ich Menschen hineingehen für einen Moment der Stille und des Gebetes. Speziell finde ich die kleinen Luken, die vom Kirchenschiff hinüber in die Krankenzimmer führten, sodass die abgesonderten Siechenkranken sich als Teil der Gottesdienstgemeinschaft fühlen konnten.

Im rechten Flügel des Gebäudes ist seit fast 70 Jahren die Colonia Libera Italiana beheimatet. Eben kommt Kollege G. heraus, ein Italiano wie er im Buche steht, inzwischen mit schlohweissem Haar, aber noch immer Presidente der CLI Lucerna. Wenn G. von seinen Zeiten als junger «Gastarbeiter» in unserem Land erzählt, kommt er in Fahrt, ebenso wenn er von den Demütigungen in der «Schwarzenbach-Zeit» berichtet. Inzwischen gehören die Italiani aber zur schweizerischen Gesellschaft. Die feindlichen Reflexe richten sich gegen andere Nationalitäten. Ich finde es daher speziell schön, dass im Lokal der Colonia heute auch Nordafrikaner aus- und eingehen.

Aus 70 Ländern

Und weiter gehts. Dort, wo heute die Eisenbahnbrücke die Baselstrasse quert, stand bis 1833 das Sentitor. Hier verliess man also definitiv das Stadtgebiet. Wir tauchen heutzutage ein in die mittlere Baselstrasse, das Kerngebiet des Quartiers. Und hier findet sich nun die ganze internationale Vielfalt der Gesichter und Läden: Menschen aus über 70 Ländern wohnen hier auf engem Raum zusammen. Das gute Dutzend Läden erwähnte ich bereits.

Wenn ich entscheiden müsste, das gewisse Etwas meines Quartiers kurz und knapp zu beschreiben, ich würde diese Ladenvielfalt nennen. Gehen wir zum Beispiel in den mexikanischen Laden «El Sombrero Latino» von D.C.: Wir machen mit drei, vier Schritten einen Sprung über den Teich. Mexikanische und andere lateinamerikanische Lebensmittel finden sich hier. An der Wand hängt ein Bild von Frida Kahlo.

In der Ecke des Ladens entdecke ich eine eigentümliche Figur. Die Ladenfrau erklärt mir, das sei eine Catrina. Es handelt sich um eine edel gewandete Skelett-Dame. Denn der Tod ist im Unterschied zum deutschen Sprachraum, wo er als unerbittlicher Sensenmann bekannt ist, im spanischsprachigen Raum weiblich! Und der Totengedenktag, wird mir berichtet, sei in Mexiko der wichtigste Feiertag. Da ziehe die ganze Grossfamilie auf den Friedhof und begehe ein festliches Gemeinschaftsmahl der Lebenden und Toten. Inzwischen sind unsere Füsse ein wenig müde geworden. Wir gehen in eine der zahlreichen Quartierbeizen, um etwas zu trinken.

Urs Häner

Weitere Infos: www.babelquartier.ch

Kuno, ein Mitfünfziger, suchte eine Braut. Wie es heutzutage üblich ist, setzte er dafür elektronische Medien ein – und erlebte eine Enttäuschung nach der andern. Bis er ganz traditionell Papier zu Hand nahm und wie seit erdenklichen Zeiten einen Brief schrieb.

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Franziskuskalender2015

Franziskuskalender 2015

Aus dem Inhalt

Texte und Gedichte von Jay Altenbach, Claudia Baumberger, Kairat Birimkulov, Ulrike Blatter, Deborah Bento, Irène Bento, Barnabas Flammer, Lydia Guyer-Bucher, Jacqueline Keune, Walter Kirchschläger, Martina Kreidler-Kos, Niklaus Kuster, Elke Langstein-Jäger, Walter Ludin, Anke Maggauer-Kirsche, Adrian Müller, Felix Neuner, Louis Schelbert, Oktavian Schmucki, Hermann-Josef Venetz, Adi Winiger, Hans Zoss.

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«Zauber des Anfangs»: Davon mag wohl jeder Mensch träumen, wenn er im Gefängnis sitzt und seine Strafe verbüssen muss. Doch der Weg aus dem Gefängnis in den Neuanfang ist beschwerlich und oft sehr lang. Bei vielen steht die Entlassung kurz bevor. Bei einigen ist er noch in weiter Ferne. Bei wenigen wird es diesen Zauber des Anfangs nie geben.

Menschen einsperren

Damit der Anfang auch für einen ehemaligen Strafgefangenen einen Zauber hat, muss der Gefangene sorgfältig darauf vorbereitet werden. Wenn das nicht geschieht, ist ein Neuanfang sofort entzaubert. Grundsätzlich gilt folgende Feststellung:

Menschen einsperren ist nichts Schönes. Indem Menschen einge sperrt werden, wird ihnen ihre Freiheit und damit ihre Würde entzogen. Das ist eine unabdingbare Erkenntnis, die jemand haben muss, wenn er im Strafvollzug arbeiten will.

Diese Aussage aber steht quer zum heutigen Sicherheitsbedürfnis unserer Gesellschaft. Eine Gesellschaft, die hundertprozentige Sicherheit verlangt, missachtet schon rein dadurch die Menschenwürde. Denn, dass Menschen Fehler machen und bewusst anderen schaden, gehört zum Menschsein. Der Mensch ist keine perfekt funktionierende Maschine.

Die Massnahmen, die heute von Politik und Gesellschaft bezüglich Sicherheit im Freiheitsentzug gefordert werden, machen es schwer, im Freiheitsentzug die Würde aller – der eingesperrten Menschen wie der Mitarbeitenden – zu wahren.

Die Würde der Menschen

Warum das gleich zu Beginn? Über Strafvollzug kann nicht gesprochen werden, ohne die Würde aller am Vollzug beteiligter Menschen, eben Angestellte und Gefangene, zu berücksichtigen.

Und nun zum Freiheitsentzug: Hier werden Strafen und Massnahmen, die ein Gericht ausgesprochen hat, vollzogen, wobei sich eine Freiheitsstrafe von einer Massnahme unterscheidet:

  • Eine Strafe hat einen Anfang und ein klar vom Gericht definiertes Ende. An ihrem Ende ist ein Gefangener zu entlassen. So will es das Gesetz.
  • Eine Massnahme hingegen hat zwar einen Anfang. Aber das Ende ist nicht definiert. Eine mögliche Entlassung hängt vom Erfolg der Massnahme ab. Die Massnahmen werden in vom Strafgesetzbuch (StGB) festgelegten Zeitabständen überprüft und können verlängert werden.

Das StGB schreibt vor:

Die Menschenwürde des Gefangenen oder des Eingewiesenen ist zu achten. Seine Rechte dürfen nur so weit beschränkt werden, als der Freiheitsentzug und das Zusammenleben in der Vollzugseinrichtung es erfordern. (Art. 74)

Der Strafvollzug hat das soziale Verhalten des Gefangenen zu fördern, insbesondere die Fähigkeit, straffrei zu leben. Der Strafvollzug hat den allgemeinen Lebensverhältnissen so weit als möglich zu entsprechen, die Betreuung des Gefangenen zu gewährleisten, schädlichen Folgen des Freiheitsentzugs entgegenzuwirken und dem Schutz der Allgemeinheit, des Vollzugspersonals und der Mitgefangenen angemessen Rechnung zu tragen. (Art. 75)

Angebote

Um die Gefangenen sinnvoll auf ein mögliches Leben nach dem Vollzug vorzubereiten, bestehen in den Justizvollzugsanstalten folgende Angebote:

  • Sozialdienst
  • Seelsorgedienst
  • Forensisch-psychiatrischer Dienst
  • Bildungsangebote
  • Arbeit
  • Betreuung

Jeder Insasse hat somit die Möglichkeit, sich an Menschen zu wenden, die ihm zuhören, die ihm aufzeigen können, was es z.B. heisst, täglich Arbeit zu leisten, um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen.

Befehl zum Duschen

Oft muss jedoch noch früher begonnen werden. Insassen müssen da hingeführt werden, dass sie überhaupt arbeiten. Es muss ihnen – oft in mühsamer Kleinarbeit und in kleinen Schritten – beigebracht werden, wie man sich in einer Gruppe und in der Gesellschaft verhält und aufführt.

Das kann je nach Abteilung damit beginnen, dass man ihnen zeigt, wie anständig mit Besteck gegessen wird statt mit den Händen. Insassen müssen lernen, die Körperpflege und somit sich selbst ernst zu nehmen. Es ist oft nicht einfach, jemanden gegen seinen Willen unter die Dusche zu bringen. Das geht so weit, dass ein Insasse auf Anweisung der Direktion geduscht wird. Oft wehrt er sich, stellt hinterher jedoch fest, dass ersich nach der Dusche wohler fühlt.

Der Weg zur Besserung

Resozialisierung und der Weg zur Besserung beginnen also mit kleinen, für uns alltäglichen Handlungen, die einige Insassen eben nicht oder nicht mehr beherrschen.

Sind diese ersten Ziele erreicht, ist es die Aufgabe des Vollzugs, ihnen aufzuzeigen, dass mit Zuverlässigkeit mehr erreicht werden kann als mit In-den-Tag-hinein- Leben. Es wird versucht, ihnen beizubringen, dass Pünktlichkeit, Sauberkeit, Exaktheit am Arbeitsplatz usw. durchaus wichtige Eigenschaften sind, um ausserhalbdes Gefängnisses leben zu können, ohne zu delinquieren.Hier sind die Arbeitsmeister und die Betreuer gefordert.

Die Tat aufarbeiten

Der Insasse soll auch die Gelegenheit haben, seine Tat aufzuarbeiten. Dies geschieht vor allem durch den Forensisch-psychiatrischen Dienst. In der Einzeltherapie wird deliktorientiert gearbeitet. Der Insasse soll die Zusammenhänge, die zu seiner Delinquenz geführt haben, erkennen können.

Doch nicht bei allen Insassen ist eine stationäre Massnahme angeordnet worden. Das Gros der Insassen ist psychisch so weit gesund. Für sie bietet der Sozialdienst seine Hilfe an. Das Ziel der Arbeit des Sozialdienstes ist «Hilfe zur Selbsthilfe ». Die Mitarbeitenden des Sozialdienstes erstellen unter anderem den Vollzugsplan, definieren mit den Insassen Verhaltensziele und überprüfen diese Ziele. Werden sie nicht erreicht, wird gemeinsam nach den Ursachen gesucht und versucht, diese zu beheben.

Sozialdienst und Seelsorge

Der Sozialdienst arbeitet eng mit der Seelsorge zusammen. Beide verfolgen auf ihre Weise dasselbe Ziel. Es gibt recht viele Insassen, die das seelsorgerliche Angebot gerne annehmen. Den Seelsorgern gelingt es hie und da, einem Gefangenen einen anderen Weg aufzuzeigen. Dabei wird nicht «missioniert ».

In den letzten Jahren wurde für alle Gefangenen ein Bildungssystem aufgebaut, das heute in fast allen Anstalten des schweizerischenStrafvollzugs angeboten wird.

Wiedergutmachung

Dies sind einige Angebote, die zu einer Gesinnungsänderung führen können. Bleibt noch die Verhaltensänderung, an der ablesbar ist, ob sich der ganze Mensch gewandelt hat. Man spricht hier von der Wiedergutmachung.

Der Grundsatz für die Wiedergutmachung ist Freiwilligkeit. Es bringt wenig, wenn jedem Insassen automatisch etwas vom Pekulium (Taschengeld) abgezogen wird für Wiedergutmachung. Ein Täter muss von sich aus etwas tun wollen. Nur dann beginnt er zu sühnen. Sühne kann nicht verordnet werden.

Diese Wiedergutmachung kann darin bestehen, dass der Gefangene zum Beispiel Geld an eine Opferhilfestelle überweist, welches diese den Opfern zukommen lässt. Zugegeben, es handelt sich dabei nicht um grosse Beträge. Doch geht es mehr um eine Wertehaltung und weniger um Materielles. Einige Insassen nutzen diese Möglichkeit und zahlen monatlich einen Betrag an die Opferhilfe.

Sühne?

Daneben gelingt es hie und da, die Väter unter den Insassen zur Alimentenzahlung zu bewegen. Einige bezahlen regelmässig einen Beitrag an die Gerichtskosten.

Wenn ein Insasse das tut, stellt sich immer die Frage: Ist das jetzt wirklich Umkehr? Hat er die Chance gepackt, die ihm die Strafe und somit die Sühne bieten? Diese Frage kann nicht abschliessend beantwortet werden. Hinter den geschilderten Bemühungen steht die Überzeugung, dass auf diesem Weg Fortschritte für diese Menschen in Gefangenschaft erzielt werden können. Einsperren, wegsperren alleine genügt nicht. Ein Insasse, der während seiner Strafe diesen Weg auf sich nimmt, mitmacht und den Weg geht, dessen Chancen steigen, nach der Strafe einen Neuanfang machen zu können, dem dann tatsächlich ein Zauber inneliegt.

Neuer Lebensentwurf

Doch zurück zum Anfang, zur Menschenwürde. Wie bereits erwähnt, raubt Freiheitsentzug dem Menschen seine Würde, ist entwürdigend. Daher ist es auch die Aufgabe des Freiheitsentzugs, den gefangenen Menschen zu akzeptieren. Des Weiteren darf der gefangene Mensch nicht auf sein Delikt reduziert werden. Mit den Angeboten, die ich aufgezeigt habe, soll er die Möglichkeit erhalten, sich einen neuen Lebensentwurf und somit eine Perspektive für sein Leben aufzubauen. Werden diese drei Punkte beachtet, so ist etwas von seiner Würde wieder hergestellt.

Aufgabe für uns alle

Die Arbeit im Freiheitsentzug ist eine schwierige, aber edle Aufgabe. Die edelste Aufgabe bezüglich Freiheitsentzug kommt jedoch der Gesellschaft zu: Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, uns allen. Freiheitsentzug ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

Selbstverständlich, die Zeit des Freiheitsentzugs liegt in der Verantwortung der entsprechenden Institutionen. Dafür müssen ihnen die nötigen Mittel zur Verfügung stehen (wir sprechen weder von «Luxushotel» noch von «Kuschelknast»). So bleibt die Würde der Eingesperrten nicht gänzlich auf der Strecke.

Willkommen in der Gesellschaft

Die Gefangenen müssen aber auch wissen, dass sie nach der Entlassung wieder von der Gesellschaft – von uns allen – aufgenommen werden. Und dass die Gesellschaft akzeptiert: Ihre Strafe ist vorbei, die Tat verbüsst. Das gibt ihnen eine Perspektive. Und wer eine Perspektive hat, hat Menschenwürde.

Nur eine Gesellschaft, in der die Menschenwürde aller geachtet wird, ist eine freie Gesellschaft – und eine sichere. Nur in einer freien Gesellschaft ist nach verbüsster Strafe ein Anfang mit Zauber möglich.

Hans Zoss


Selbstdisziplin eines Gefängnisdirektors

Der Nachfolger von Hans Zoss als Direktor des Gefängnisses Thorberg wurde wegen problematischer Nähe zu Gefangenen abgesetzt. Aus einem «Blick»-Artikel:

«Distanz zu wahren, ist eine Gratwanderung», sagt Zoss, «es braucht ein grosses Mass an Selbstdisziplin.» Einige Insassen waren ihm sympathischer als andere. «Aber ich wollte alle gleich behandeln. Ich durfte niemanden bevorzugen.»

Jesus hinterliess nicht eine festgefügte Kirchenordnung, die für alle Zeiten Geltung haben soll. Verbindlich sind nicht Strukturen, Titel oder Ämter. Verbindlich ist die Freiheit, mit der jede, auch die unsrige Zeit, nach Mitteln und Wegen suchen soll, damit das Anliegen Jesu in unserer Welt Gestalt annimmt.

Es besteht kein Zweifel: Der Anfang der christlichen Kirchen ist bei Jesus von Nazaret festzumachen. Ihm ging es nicht um eine Kirchengründung. Ihm ging es um das Reich Gottes, das er verkündete und lebte. Er rief eine Bewegung ins Leben: eine Gruppe von Frauen und Männern, die allen geordneten Verhältnissen den Abschied gaben, ihm nachfolgten, mit ihm durchs Land zogen und sich dabei auf nichts anderes stütztenals auf den Vater im Himmel.

Aussteiger und Ortsansässige

Woher diese bunte Gruppe den Mut und die Kraft zu einer solch radikalen Existenzweise nahm? Sie waren angetan von diesem Jesus von Nazaret. In seiner Gemeinschaft erfuhren sie das Kommen Gottes. Was sie besonders überzeugte: Jesus betrachtete sie nicht als seinen Fan-Club. Er teilte mit ihnen seinen Auftrag und sein Charisma. Wie er sollten sie das Kommen des Reiches verkünden, besser noch: es aufdecken, und zwar konkret: Sie heilten Kranke, befreiten Besessene von was für Ängsten und Zwängen auch immer und harrten bei den Notleidenden aus (vgl. Lk 9,1–6; 10,1–12).

Wenn die Einzelnen, die Jesus nachfolgten, auch alles verlassen hatten, wie es heisst (Mk 10,28), so fanden sie doch immer wieder Aufnahme bei Leuten, die ihnen wohlgesinnt waren: bei der Schwiegermutter des Simon (Mk 1,29–31), bei Maria und Marta (Lk 10,38–42), bei Simon, dem Aussätzigen (Mk 14,3ff), beim Oberzöllner Zachäus (Lk 19,1–10).

Solch sympathisierende Familien und Gruppen dürften wohl der Kern späterer Ortsgemeinden gewesen sein.

Formen der «Nachfolge»

In diesen Kreisen musste «Nachfolge » eine ganz andere Form annehmen – eine andere, aber nicht eine mindere oder billigere. Leute, die in der Familie, im Dorf, in den Vereinen, in der Synagoge Verantwortung trugen und dabei das Anliegen Jesu zur Geltung bringen wollten, bekamen die Spannung zu «dieser Welt» womöglich noch stärker zu spüren als jene, die es sich leisten konnten «auszusteigen » und sich Jesus anzuschliessen.

Wenn die beiden so unterschiedlichen Existenzformen – die Wandercharismatiker einerseits und die ortsansässigen Gruppen andererseits – in der gleichen Bewegung nebeneinander existieren konnten, kam das daher, dass sich beide auf den gleichen Jesus von Nazaret beriefen, auf den gekreuzigten und auferweckten Messias. Von ihm waren beide fasziniert. Sein Anliegen wollten sie zu ihrem machen und auf ihre je eigene Art zur Geltung bringen. Die Gestalt Jesu war offensichtlich reich genug, dass sie verschiedenste Formen der Nachfolge und Jüngerschaft ermöglichen und zulassen konnte.

Dass es dabei von Anfang an zu Spannungen und Konflikten kam, wissen wir aus den Evangelien (vgl. Mk 9,33–34; 10,41). Sicher ist, dass die Jesusbewegung als Ganze im Messias Jesus ihr Vorbild hatte, ihre Inspirationen und ihre Verheissung.

Messianische Gemeinden

Die Bewegung, die Jesus ins Leben rief, lässt sich in ihrer Ausgestaltung nicht einfach so auf jede andere Zeit übertragen. Hätte Jesus seinen Jüngerinnen und Jüngern ein bezugsbereites Haus hinterlassen, in dem alles und jedes schön geordnet gewesen wäre, hätte die junge und auch die älter werdende Kirche nicht so viele Zerreissproben bestehen müssen. Es hätte auch im Laufe der Zeit nicht so manche Panne gegeben.

Was Jesus seinen Angehörigen hinterliess, war nicht eine festgefügte Kirchenordnung, die für alle Zeiten Geltung haben soll. Er hinterliess ihnen seinen Geist, der sie zu weit mehr befähigte als zur Einhaltung noch so vieler und gut gemeinter Gemeinderegeln.

Solidarisch mit den Ausgegrenzten

Wichtiges Kennzeichen messianischer Gemeinden: Die Dazugehörigen solidarisierten sich wie Jesus mit den Randständigen und wurden so selbst zu Randständigen. Sie verloren ihre gesellschaftliche Stellung und wurden bald schon zu den Missachteten, zu den Unreinen und Sündern gezählt, wie denn auch die Gegner Jesus selbst als Fresser und Weinsäufer, als Freund von Zöllnern und Sündern beschimpften (Lk 7,34).

Gemeinschaften von Gleichgestellten

Im Unterschied zu anderen Gruppierungen gab es in messianischen Gemeinschaften kein Oben und Unten, kein Zentrum und keine Peripherie (vgl. Mk 10,42–45 u.ä.). Der von Jesus eingesetzte Zwölferkreis sollte als prophetisches Zeichen an das Zwölfstämmevolk erinnern und damit auch an jene grosse Vergangenheit, in der das ganze Volk, Männer und Frauen als Königreich von Priestern und als heiliges Volk (Ex 19,4–6) in Erscheinung trat.

Ein weiteres wesentliches Kennzeichen der messianischen Gemeinde ist die vorrangige Option für die Armen und Leidenden. Jesus hat diese Option nicht nur gelebt, er hat auch diejenigen, die ihm folgten, auf diese Option verpflichtet.

Korinth – nur ein Konflikthaufen?

Nachdem die Wirtschaftsmetropole Korinth um 146 v. Chr. Im Krieg mit Rom praktisch dem Erdboden gleich gemacht worden war, wurde sie ungefähr 100 Jahre später wieder aufgebaut. Schnell fand sie zur alten Grösse zurück. Von überall her wurden Leute angesiedelt: ausgediente Soldaten, Handwerker, Asylantinnen, die in den Industriebetrieben, in der Fischerei, in Handels- und Verkehrsunternehmen Arbeit fanden. Bald war Korinth wieder eine moderne Grossstadt mit allem Drum und Dran.

Anfang der 50er-Jahre suchte Paulus die dortige Synagoge auf (Apg 18). Mit seiner Predigt vom gekreuzigten und auferweckten Messias Jesus stiess er auf Widerstand. Die Verantwortlichen forderten ihn auf, die Synagoge zu verlassen. Es gab aber auch Leute, die mehr von ihm hören wollten. Ein begüterter Mann, ein gewisser Justus, stellte ihm für die Versammlungen den Innenhof seiner Villa zur Verfügung.

Der Gemeinde der Christusgläubigen schlossen sich nach und nach auch Nicht-Juden an, «Leute aus den Völkern», einfache Leute auch, Hafenarbeiter und Sklavinnen. Sie entwickelten einen riesigen Eifer und feierten ihre neu gewonnene Freiheit. Paulus konnte es sich leisten, weiterzuziehen und die Gemeinde sich selbst zu überlassen.

Bereits zwei, drei Jahre später traten beträchtliche Spannungen auf, sodass die Gemeinde auseinanderzubersten drohte. Im ersten Brief, den Paulus an die Gemeinde schrieb, gibt es kaum ein Kapitel, das nicht diesen oder jenen Konflikt zum Thema hätte.

Kein Dirigismus

Was soll Paulus mit diesem zerstrittenen Haufen in Korinth tun? Soll er der Gemeinde eine klare Verfassung aufnötigen? Soll er in dieser Gemeinde oder gar über diese Gemeinde eine klare Führung einsetzen, der alle zu gehorchen haben?

Er tut weder das eine noch das andere. Als Erstes verneigt er sich vor der Gemeinde. Bereits aus den ersten Versen des Briefes geht das hervor. Er nennt sie Gemeinde Gottes; sie ist nicht die Gemeinde des Paulus. Die einzelnen Gläubigen dort sieht er als von Gott Geheiligte und von Gott Berufene. Was die Leute dort tun, tun sie, weil der Geist Gottes sie treibt. Auch wenn dem Apostel lange nicht alles gefiel, was da in Korinth vor sich ging, er sah in der Gemeinde den Ort, an dem Jesus, der Messias, leibhaftig wird.

«Ihr seid der leibhafte Christus»

Sie seien der «leibhafte Christus», schreibt Paulus den Messiasgläubigen ins Stammbuch (1Kor 12,27). Diese Redensweise hatte sich Paulus gut überlegt. Er wusste, wovon er sprach, wenn er im Zusammenhang der Gemeinde den Christus ins Spiel brachte. Der gekreuzigte und auferweckte Messias hat ihn persönlich in Pflicht genommen (vgl. 1Kor 9,1; 1Kor 15,8; Gal 1,15–16).

Paulus wusste auch, wovon er sprach, wenn er die Gemeinde zum Thema machte. Seine diesbezüglichen Erfahrungen waren sehr persönlich und konkret. Anderthalb Jahre lebte er in hautnahem Kontakt mit den Leuten in Korinth. Er wusste recht gut, wie es in einer Gemeinde, die aus Menschen besteht, zu- und hergeht. Er wusste auch, was eine Gemeinde brauchte: Predigerinnen und Lehrer, Prophetinnen und Sozialhelfer, Leitungstalente und stille Beter und Leute, die den Dreck machten (1Kor 12).

Das war zwar alles recht kompliziert und unübersichtlich und konfliktträchtig. Dafür war es echt und greifbar. Das ist es, was Paulus erfahren hat: dass die Sache Jesu, sein Anliegen in der Gemeinde leibhaft und greifbar wurde. Wo hätte denn Paulus dem lebendigen Messias Jesus anderswo begegnen/ können, wenn nicht in der Gemeinde?

Zur Freiheit verpflichtet

Verständlich, dass sich das Anliegen Jesu, wie es in der Jesusbewegung anfanghaft realisiert wurde, nicht 1:1 auf Korinth übertragen liess. Ähnliches gilt auch von anderen «Momentaufnahmen » christlicher Gemeinden. Man denke z.B. an Jerusalem, Antiochien, Ephesus, Philippi oder Rom. Jede Gemeinde musste ihren eigenen Weg entsprechend den dort ansässigen Gläubigen gehen, entsprechend der innergemeindlichen Gruppendynamik, entsprechend dem soziokulturellen und politischen Umfeld, entsprechend auch den Gnadengaben, den so genannten Charismen der Einzelnen.

Folgende Hinweise mögen hier abschliessend genügen:

  • Die ideale christliche Kirche hat es nie gegeben. Wenn Lukas in der Apostelgeschichte von der Gemeinde in Jerusalem schreibt, sie sei ein Herz und eine Seele gewesen und alle hätten alles gemeinsam gehabt (4,32), sah er sich wohl deswegen zu einer solch idealisierten Beschreibung veranlasst, weil die Zustände in den Gemeinden der 80er-Jahre eben alles andere als ideal waren (vgl. dazu z.B. Apg 5,1ff; 15,1ff).
  • Die Christinnen und Christen der ersten Generationen nahmen sich die Freiheit, Kirche so zu gestalten, wie es für die Erfordernisse ihrer Zeit wichtig und nötig war. Jede Generation hatte und hat selbst dafür zu sorgen, dass und wie die Sache Jesu am besten zum Tragen kommt.
  • Das dürfte auch das Verbindliche sein, das wir aus den Schriften des Neuen Testaments entnehmen können: Verbindlich sind nicht die Strukturen und die Titel und die Ämter und dergleichen; verbindlich ist die Freiheit, mit der jede, auch die unsrige Zeit, nach Mitteln und Wegen suchen soll, damit das Anliegen Jesu in unserer Welt Gestalt annimmt.
  • Das alles hat weder mit Willkür noch mit Beliebigkeit etwas zu tun. Es geht vielmehr um jene kreative Gestaltungskraft, die sich nur im Glauben an den Messias Jesus, in der Treue zum Zauber des Anfangs, in der Auseinandersetzung mit der Welt von heute und im Hoffen auf die endgültige Befreiung verwirklichen lässt.

Hermann-Josef Venetz

Nicht nur am Ende der Schulzeit gilt es innezuhalten und über seine Zukunft nachzudenken (dazu der vorausgehende Artikel). Die Aufgabe stellt sich auch im Blick auf die Pensionierung. Unsere Autorin, bis vor einem Jahr Betagtenbetreuerin in Luzern, hat sich intensiv mit dem Leben nach dem Beruf auseinandergesetzt.

Ich wache auf. Es ist kurz nach fünf. Langsam komme ich zu mir. Ich denke: Ab heute bist du also pensioniert! Irgendwie komisch. Freue ich mich? Ich konnte es kaum erwarten, pensioniert zu sein. Jetzt bin ich es. Ich habe mir immer vorgestellt, was ich dann alles machen könnte. Endlich!

Die letzten beiden Jahre ist die Arbeit mir schwerer gefallen. Da merkte ich mein Alter. Wenn ich nach der Arbeit nach Hause kam, war ich meistens so müde, dass ich nur noch wie erschlagen dasitzen konnte.  An den freien Tagen bemühte ich mich, meinen Haushalt   irgendwie in Schuss zu halten. Es störte mich, dass so vieles liegen blieb. Und wie oft meldete sich mein Rücken und beschwerte sich. Ich versuchte, nicht hinzuhören.

«In Freiheit»

Ja, was jetzt? Irgendwie komme ich mir verloren vor. So lange hat die Arbeit mein Leben bestimmt. Die Gestaltung meiner Freizeit richtete sich danach, ob ich am nächsten Tag zur Arbeit eingeteilt war. Ich wusste, wenn ich nicht genügend Schlaf bekäme, wäre ich nicht so  /konzentriert wie sonst. Da ich auch mit lebensnotwendigen Medikamenten zu tun  hatte, konnte ich mir keine Fehler leisten. Also keine Einladungen, kein Ausgang.

Nach den ersten Tagen «in Freiheit» merkte ich, dass ich Mühe hatte, mich in der neuen Situation zurechtzufinden. Am Abend genoss ich es, so lange aufzubleiben, wie ich wollte. Ich schaltete von einem Sender zum anderen. Irgendwo lief immer etwas Interessantes. Am Morgen blieb ich lange im Bett, stand irgendwann auf, nahm dieses und jenes in die Hand, wusste nicht, was ich eigentlich wollte. Ich hatte ja Zeit. Ich schlief immer schlechter. Fühlte mich nicht wohl. Wusste aber nicht warum. Ich hätte mich gerne mehr mit meinen Freunden getroffen. Aber diese hatten für mich auch nicht die Zeit, die ich mir gewünscht hätte.

Strukturierte Tage

Beim Arzt konnte ich mir mein Dilemma endlich von der Seele reden. Gott sei Dank hat er zugehört. Er hat mir empfohlen, meinen Tag zu strukturieren; nicht mehr einfach nur so ins Blaue zu leben, nur weil es mir jetzt möglich ist. Gegen die Schlafschwierigkeiten bekam ich ein befristetes Schlafmittel.

Strukturen planen: Was muss ich unbedingt erledigen? Was hat Zeit? Was macht mir Freude? Was kann ich mir leisten, was nicht? Welche Termine habe ich? Welche Freunde möchte ich einladen? Wie gestalte ich meine «Freizeit», z.B. die Wochenenden?

Ich versuchte es. Es klappte nicht immer. Und ich lernte mich, wenn auch nicht stur, an meine eigenen Vorgaben zu halten. Ich weiss jetzt, dass ich morgens munterer bin als am Nachmittag. Ich gehe eher früh zu Bett und stehe lieber früh auf. Ich schlafe besser, auch ohne Medikamente.

Meine Tendenz, nachts aufzustehen und eine Weile aufzubleiben, habe ich immer noch. Ich liebe es einfach, dazusitzen und die Stille um mich her zu geniessen. Manchmal schreibe ich dann Gedichte. Es ist die Zeit, wo ich in mir selbst ruhen kann. Manchmal gehe ich auch auf den Balkon, egal welches Wetter, und geniesse es, die Lichter von Luzern zu sehen. Ich weiss dann, ich möchte nirgendwo anders sein.

Zurück nach Deutschland?

Natürlich habe ich darüber nachgedacht, nach der Pensionierung wieder nach Deutschland zurückzukehren. Meine Familie lebt dort. Meine Eltern sind alt und würden sich freuen, wenn ich in der Nähe wäre. Ich könnte auch mehr Kontakt zu meinen Geschwistern haben.

Durch die Entfernung haben wir uns doch sehr auseinandergelebt. Ja, schön wäre es schon. Aber was ist mit meinen Freunden hier? Mit der Zeit würden wir uns entfremden. Sie sind mir wichtig.

Schliesslich habe ich mich entschieden, hier zu bleiben. Den grössten Teil meines Lebens habe ich hier verbracht. Ich bin immer noch Deutsche. Ich wäre es auch mit einem Schweizer Pass. Oder besser gesagt, ein Teil von mir ist hier zu Hause, ein Teil von mir ist deutsch. Ich bin keins von beiden ganz. Wenn ich zu meinen Verwandten in Deutschland fahre, muss ich mich bemühen, Hochdeutsch zu reden. Für sie bin ich Schweizerin geworden. Doch hier in der Schweiz hört jeder an meiner Sprache, dass ich aus Deutschland komme. Viele bemühen sich dann, mit mir Hochdeutsch zu reden. Da bin ich Ausländerin geblieben.

Nach Kreta?

Früher habe ich mir vorgestellt, dass ich nach meiner Pensionierung nach Kreta ziehen würde. Seit fast 20 Jahren fahre ich dorthin in die Ferien, immer an den gleichen Ort. Er ist mir vertraut. Es gibt Menschen, die mir zu Freunden geworden sind.

Aber in letzter Zeit wird mir immer mehr bewusst, wie sehr ich an meiner vertrauten Umgebung hänge. Und ich mag das Klima hier, dass es im Winter kalt wird und Schnee hat. Ich mag den Vierwaldstätter See, die Berge um mich, den Wald, die Kühe auf der Wiese nebenan. Den Ausblick von meinem Balkon, die Wege, die mir vertraut sind. Ich hänge an all dem. Ich wusste gar nicht, wie sehr, bis ich mir überlegte, ob ich mich davon trennen will.

Pensionierung als Neuorientierung

Pensionierung: eine Neuorientierung. Ein Abwägen, was ist gut für mich und was eher nicht? Woran hängt mein Herz? Wie will ich den Rest meines Lebens verbringen?

Denn eins ist mir auch klar geworden: Was ich jetzt lebe, ist eine geschenkte Zeit. Da brauche ich nur die Zeitung aufzuschlagen und die Todesanzeigen zu lesen. Jeder Tag, den ich jetzt lebe, ist also kostbar. Ich will sie nicht mit hektischen Aktivitäten vollstopfen, aber auch nicht verplempern. Welches ist das richtige Mass?

Ich weiss es ehrlich gesagt noch nicht. Man sagt ja den Pensionierten nach, dass sie keine Zeit mehr hätten. Und meine Mutter fragt jedes Mal am Telefon: Was machst du mit deiner ganzen Freizeit. (In den Augen meiner Mutter müsste ich immer etwas tun, wobei Gedichte schreiben nicht zu diesen «Tätigkeiten» zählt …).

Aber insgesamt komme ich besser zurecht. Am Anfang hatte ich noch das Gefühl, es sei nicht recht, dass ich jetzt einfach so nicht mehr arbeiten muss und Pension beziehe. Als würde ich mir etwas aneignen, was mir nicht zusteht. Ein bisschen geht es mir immer noch so. Gefühle sind manchmal komisch.

Die Freiheit geniessen

Andrerseits geniesse ich die Freiheit, die ich nun habe. Die Freiheit zu tun, was ich will. Ich habe gemerkt, dass dies auch einen Einfluss auf meine Geduld hat. Früher hatte ich immer das Gefühl, dass mir die Zeit nicht reicht, um irgendetwas fertigzustellen. (Ich mache viele Handarbeiten).

Jetzt kann ich mich damit beschäftigen, mir so viel Zeit lassen, wie es eben dauert. Schön ist das, und befriedigend. Ich putze sogar wieder gern, weil ich mir dazu so viel Zeit lassen kann, wie es eben braucht. Ich habe das Gefühl, als ob die Tage sehr lang wären, irgendwie länger als früher. Vielleicht, weil ich sie so intensiv erlebe?

Ich bin jetzt dabei, mir Tätigkeiten zu suchen, die mich ein wenig unter Menschen bringen. Ich merke, das fehlt mir ein bisschen. Ich habe auch schon ein paar Ideen. Aber ich will es in Ruhe angehen. Nicht wieder alles verplanen. Aber mich auf Neues einlassen, das ja.

Anke Maggauer-Kirsche

«Fahrend in einem bequemen Wagen / auf einer regnerischen Landstrasse / sahen wir einen zerlumpten Mann bei Nachteinbruch / der uns winkte / ihn mitzunehmen / sich tief verbeugend / Wir hatten ein Dach und wir hatten Platz und wir fuhren vorüber / Und wir hörten mich sagen, mit einer grämlichen Stimme: Nein / wir können niemand mitnehmen. / Wir waren schon weit voraus, einen Tagesmarsch vielleicht / als ich plötzlich erschrak über diese meine Stimme / dies mein Verhalten und diese / ganze Welt»
(Bertolt Brecht)

Ein Fremder, der hereingeholt werden möchte. Er verneigt sich tief, weil er um seine Abhängigkeit weiss. Er friert in den nassen Kleidern. Es ist bald Nacht. Viele Autos werden nicht mehr vorbeikommen. Aber da naht eines, das noch Platz hätte – vorbei.

Wir können niemand mitnehmen. Wir hatten Platz. Dennoch: Wir können niemand mitnehmen. Die verdreckten Polster. Die nassen Teppiche. Der Gestank. Und wer weiss, wen wir uns aufladen. Am Schluss kriegen wir ihn nicht mehr weg.

Die ganze Situation – ein einziges grosses Nein. Und dann der Wechsel von diesem anonymen Wir, das verhindert, dass jemand verantwortlich gemacht werden kann, zu diesem Ich, das über die eigene Stimme erschrickt.

Der Feind

«Wenn ein Fremder in eurem Land lebt, sollt ihr ihn nicht unterdrücken » (Leviticus 19,33).

Es war offenbar noch nie einfach, fremd zu sein – auch vor Jahrtausenden nicht. Und die Angst vor dem Fremden ist uralt. Die Angst, dass er uns etwas wegnimmt, uns etwas antut. Der Fremde – der Feind, die Gefahr. Und setzt sich im vollen Bus neben mich der Mann aus Ruanda, wandert meine Hand zum Reissverschluss der Manteltasche und zieht ihn unmerklich ganz hoch.

Das Eigene ist das Gute. Das Fremde ist das Böse. Wir fürchten uns vor dem Fremden und vergessen, dass wir es sind, die in diesem bequemen Wagen sitzen, in der ungleich stärkeren Position. Wir fühlen uns vom Fremden bedroht und spüren nicht, wie bedrohlich wir auf ihn wirken. Wir ärgern uns, dass die Fremden laut und latschig sind, und verschwenden keinen Gedanken an die eigene Härte. Wir beargwöhnen die fremde Kultur und idealisieren die eigene, verurteilen etwa die Unterdrückung der Frau durch andere Gesellschaften und verdrängen, dass es noch nicht allzu lange her ist, dass wir den eigenen Frauen überhaupt ein Stimmrecht eingeräumt haben.

Ich glaube, es atmet viel Unsicherheit hinter der Fremdenangst. Die einfache Erklärung, dass die Fremden schuld sind, an so vielem schuld sind, hat etwas Beruhigendes, weil das Verunsichernde so festgemacht und beseitigt werden kann. Sind die Fremden dann erst einmal alle weg, verschwinden die Probleme von alleine.

Nicht einfach

Ich schreibe das alles mitnichten von hoher Warte herab oder so, als ob ich selber nicht auch in diesem bequemen Wagen fahren, vorbeifahren würde. Und ich will nicht so tun, als ob Zusammenleben einfach wäre – es ist es nicht. Und das exotische Hirsegericht zu den mitreissenden Samba-Rhythmen am Flüchtlingstag auf dem sonnenbeschienenen Platz der Altstadt ist nicht Alltag.

Alltag ist, wenn die Tamilin für drei auswärtige Familien mitwäscht und die ganzen Kleider und Tücher drei Tage lang in der kleinen Waschküche hängen lässt. Wenn der frühmorgendliche Fischgeruch das betagte Ehepaar nach 40 Jahren aus der Mietwohnung hinaustreibt. Wenn die jungen Kosovo-Albaner stundenlang vor dem Einkaufszentrum herumhängen und Frauen anmachen. Wenn das bosnische Ehepaar arg selbstbewusst auftritt.

Und Alltag ist, wenn Asylsuchende von Nothilfe leben müssen, die diesen Namen nicht verdient. Wenn Kinder teilweise jahrelang in fensterlosen Zivilschutzunterkünften ihre Hausaufgaben erledigen müssen. Wenn ihre Väter und Mütter nicht arbeiten dürfen, obwohl sie nichts lieber täten, und wenn die beiden letzten Buchstaben eines Familiennamens darüber entscheiden, ob jemand eine Bewerbung um eine Wohnung oder Anstellung überhaupt eines Blickes würdigt. Es verbindet uns viel als Menschen und es trennt uns viel als Menschen. Und es ist sehr anspruchsvoll, sich aufeinander hin zu öffnen und voreinander nicht zu schützen.

Was ist fremd?

Aber, Moment mal: Was ist das überhaupt, fremd? Meint ausländisch tatsächlich fremd? Und warum ist mir dann Frau Schwarzentruber von nebenan viel fremder als Kirubananthini aus Sri Lanka? Und ist schweizerisch das Gegenteil von fremd? Nein. Das Gegenteil von fremd ist vertraut. Und es ist nie die Farbe einer Haut oder der Klang einer Sprache, die aus Menschen Fremden macht. Ich bin es, die aus Menschen Fremde macht. Es ist immer das Eigene, dass das Fremde definiert.

Und die Unterschiede innerhalb unserer eigenen schweizerischen Kultur sind mindestens ebenso gross wie die zwischen den Kulturen der verschiedenen Länder. Meine Kultur zumindest ist nicht die der geschorenen Schweizerköpfe und gereckten Schweizerarme auf der Rütliwiese. Auch nicht die Kultur derer, die ihre Köpfe noch am 1. Mai in schwarze Skimützen stecken und mit Pflastersteinen auf Rednerinnen und Schaufenster losgehen. Und sie ist auch nicht die Kultur jener, die ihre Köpfe nur den angesagtesten Haarkünstlern anvertrauen und in ebensolchen Bars Wochenende für Wochenende ein kleines Vermögen liegen lassen.

Oder anders gesagt: Ohne einen einzigen Senegalesen und eine einzige Serbin haben wir längst unter uns, was wir nicht wollen. Und wir könnten weder unsere Kranken pflegen noch unseren Müll entsorgen, hätten wir jene nicht, die wir nicht wollen.

Bala und Sükran

Wenn ich keiner und keinem von ihnen je begegne, auch wenn sie vielleicht jeden Tag meine Wege kreuzen, dann sind Fremde nicht viel mehr als Klischees und Gegenstände politischer Diskussionen. Keine Augen, kein Gesicht, nur Zahlen. Vor 25 Jahren noch waren Flüchtlinge für mich auch einfach Flüchtlinge.

Aber dann habe ich Bala – genauerhin Balachandran Pasupathy aus Chavakachcheri – kennengelernt und nach ihm noch viele andere Asylsuchende. Und ganz vieles hat sich verändert. Denn erst wenn ich weiss, wie sie heissen und welche Namen ihre Kinder tragen und welche Blumen bei ihnen zuhause wachsen, kann ich in ihnen die Menschen, kann ich in ihnen vielleicht gar meine Schwestern und meine Brüder, zumindest aber die Frau aus Eritrea mit ihren Träumen und ihrer Trauer sehen.

Sükran aus Kurdistan hat ihre Tochter übrigens Mizgin – «Überraschung » – genannt, weil sie sich die ganze Schwangerschaft über völlig sicher war, dass sie einen Jungen zur Welt bringen würde.

Gott, der Fremde

«Denn ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich war durstig, und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich war fremd, und ihr habt mich aufgenommen. Ich war nackt, und ihr habt mich gekleidet. Ich war krank, und ihr habt nach mir gesehen. Ich war im Gefängnis, und ihr habt mich besucht» (Matthäus-Evangelium 25).

Die Fremden, die Flüchtlinge, die Asylsuchenden: die Repräsentantinnen und Repräsentanten Gottes. Wer an ihnen vorübergeht, geht an Gott vorüber. «Die Füchse haben ihre Höhlen und die Vögel ihre Nester, der Menschensohn aber hat keinen Ort». Gott, der Obdachlose, der vor Nachtkälte zitternd an der Strasse im Regen steht und darauf wartet, von mir hereingeholt zu werden.

Wenn ich die Distanz zwischen den vielfältig Armen und mir aufgebe, dann beginne ich mit der Zeit zu spüren, dass ich selber gar nicht so anders, dass ich im Grunde überhaupt nicht anders bin. Und dass die Gleichheit mit dem anderen Menschen nicht weniger ist als ein Riesengeschenk. Ein Riesengeschenk!

Die Fürsorge, dieses «Für», das uns im Letzten auf Distanz hält, haben wir gut gelernt. Dieses «Mit» aber, das uns dieser Bruder aus Galiläa vorgelebt hat – es würde diesen neuen Himmel und diese neue Erde schaffen.

Jacqueline Keune

Alles läuft rund. Doch plötzlich geht nichts mehr. Solche «Momente» sind nicht nur ärgerlich. Sie sind auch eine Chance. Die Bekehrungsgeschichte des heiligen Franz zeigt es.

Geht es gut? Läuft alles rund? Bist du fit unterwegs? Gelingendes Leben wird mit störungsfreier Bewegung verbunden. Bleibt ein Zug ungeplant stehen, ist der Strassenverkehr blockiert, geht es an der Kasse nicht vorwärts oder fällt die Internetverbindung kurz aus, ärgern sich viele. Doch auch ungeplante Pausen oder Stopps können sowohl im Alltagsleben wie in Lebensgeschichten heilsam sein.

Gut unterwegs

Franz von Assisi ist zunächst viele Jahre gut unterwegs. In eine privilegierte Familie geboren, erhält er Schulbildung (ein Privileg vor 1200) und lernt im mittelalterlichen Assisi den Beruf eines Modefachmanns. Mit vierzehn erwachsen, tritt er in die führende Zunft der Kaufleute ein. Sein Vater macht ihn mit den nahen Märkten vertraut und nimmt ihn wohl auch auf Handelsreisen nach Frankreich mit. Die Horizonte weiten sich. Die Familie investiert in Immobilien, kauft Häuser und betreibt profitable Geldgeschäfte.

Franziskus kann sich vieles leisten, wird Festkönig der Jugend und hat glänzende Aussichten. Als die Stadt 1198 den deutschen Grafen aus der Stauferburg vertreibt, kommt auch politisch vieles in Gang: Die Bürger setzen eine demokratische Gemeindeordnung durch und nehmen das Geschick der Stadt selber in die Hand.

Diese Zeit des Aufbruchs beflügelt den jungen Kaufmann, der ehrgeizige Träume zulässt. Sozial angesehen, beruflich erfolgreich und politisch beschwingt hofft er, Ritter zu werden und zur Elite der Gesellschaft zu stossen.

Der eskalierende Städtekonflikt zwischen Assisi und Perugia kommt da gerade recht. Die Familie verkauft einen Bauernhof, um den Sohn mit Pferd, Rüstung und Waffen auszustatten. Zeichnet er sich im bewaffneten Kampf aus, kann sein Rittertraum sich erfüllen.

Unliebsame Fragen

Doch es kommt anders. Die Schlacht wird zum Debakel. Franziskus überlebt das Gemetzel, landet aber in Kriegsgefangenschaft. Ein ganzes Jahr schmachtet er in den Kerkern Perugias. Erst als Assisi politisch einknickt, den vertriebenen Adel wieder aufnimmt und bürgerliche Freiheiten aufgibt, kehren die gefangenen Söhne zurück.

Die Gesundheit des Franziskus ist schwer geschädigt. Es wird Monate dauern, bis er auf einen Stock gestützt wieder ins bunte Treiben der Stadt eintauchen kann. Und er erschrickt: Das lebensfrohe Assisi hat seine Farben verloren. Ein erschütterndes MOMENT MAL wirft den erfolgsverwöhnten Kaufmann aus seiner Bahn.

Einigermassen gesund geworden steht er zwar wieder im Geschäft, reitet auf Märkte und feiert Feste. Doch über seinem Alltag steht ein quälendes Fragezeichen. Stimmen aus dem erlittenen Dunkel von Krieg, Kerker und Krankheit verschaffen sich Gehör – und brennende Fragen finden keine Antwort: Was nützen modische Kleider, wenn du innerlich leer und nackt bleibst? Was sollen Feste mit Freunden, wenn sie deine Seele allein lassen mit schrecklichen Erinnerungen? Was hat aller Reichtum des Vaters denn geholfen, als die Krankheit in den Abgrund führte?

Franziskus tut einen wichtigen Schritt. Er stellt sich seinen Fragen und beginnt mitten in seiner Realität zu suchen. Er ringt um Antworten, um Werte und um ein Leben, das wirklich trägt.

Auf einem letzten Fluchtversuch vor sich selbst stoppt ihn eine unruhige Nacht in Spoleto. Sie lässt ihn ahnen, dass kein Mensch ihn in eine neue Zukunft führen kann – nur Gott allein, sofern er dem unreligiösen Kaufmann damals noch erscheint.

Kann man sich oder anderen Krisen wünschen, seien sie gesundheitlicher, beruflicher oder spiritueller Art? Auch unerwünscht brechen Krisen bisweilen heilsam in ein Leben, unterbrechen den Lauf der Dinge und lassen einen Menschen aufhorchen. Allzu Erfolgreiche können den Blick für Wesentliches verlieren. Ein zu routiniertes Leben fragt nicht mehr nach dem tieferen Sinn. Franziskus wird später freiwillig Auszeiten nehmen, um immer wieder vom engagierten Tun ins schlichte Sein zu kommen, vom Reden ins Hören, vom Aussen ins Innen und vom Du zum Ich.

Hilflos suchend

Erschüttert durch die Erfahrung von Krieg, Kerker und Krankheit wird Franziskus in seinem Hunger nach neuer Lebensfreude und nach einem tieferen Sinn zunächst zu einem hilflos Suchenden. Ab und zu stiehlt er sich aus dem Geschäft und dem Treiben der Stadt hinaus. Vom Berghang des Subasio blickt er hinunter auf Assisi und auf seine Lebenswelt.

Mit der Zeit entdeckt er unterhalb der Stadt ein verlassenes Priorat mit einer Krypta, in die er sich zurückziehen kann. Ihr Halbdunkel entspricht seiner inneren Welt. Das Verweilen in der Stille lässt ihn zu sich selber kommen. Franziskus nimmt sich, seine Erfahrungen und Fragen, seine Sehnsucht wahr – und stellt sich ihnen. Er beginnt da auch jenes Gebet zu sprechen, das um Licht in sein inneres Dunkel bittet:

Höchster, lichtvoller Gott,
erleuchte die Finsternis in meinem Herzen:
gib mir einen Glauben, der weiterführt,
eine Hoffnung, die durch alles trägt,
und eine Liebe, die auf jeden Menschen zugeht.
Lass mich spüren, wer du, Herr, bist,
und erkennen, wie ich deinen Auftrag erfülle.

Der Weg in die Stille öffnet Franziskus nicht nur den Blick für seine Innenwelt und für den Lichtvollen über allem. Die Distanz zur Stadt verändert auch seine Sicht auf die eigene Lebenswelt. Erst jetzt entdeckt er das andere Assisi: die dunklen Gassen der Arbeiter und der Ausgenutzten, das Schicksal des neuen Proletariats, das Elend der Kranken, der Bettler und Gestrauchelten am Rande der Stadt.

Jetzt erst hat er ein Auge für jene, denen es nicht gelingt, in Assisi Fuss zu fassen: die Armen vor den Toren. Und er lässt sich berühren von Aussätzigen: von Menschen, die wegen Lepra von heute auf morgen aus der Stadt verbannt wurden und sozial für tot erklärt worden sind.

Moment mal!

Sind sie tatsächlich von Gott gestraft, die Armen vor den Toren? Sind sie seelenlose Gespenster, die Leprosen in der Ebene? Und ist Gott tatsächlich der ferne Weltenherrscher? Das neue Schauen und der wache Blick des Herzens verändern Franziskus’ Wahrnehmung. Seine Sicht der Gesellschaft, der Kirche und des Menschen wandelt sich.

Assisi zeigt immer deutlicher die unbarmherzige Seite seiner bürgerlichen Wirtschafts- und Sozialordnung. Die Kirche hat den «armen Christus» vergessen, der Franziskus in der zerfallenden Kapelle von San Damiano erwartet. Dort zeigt ihn eine Ikone als Bruder der Menschen, schutzlos und halb nackt, als Rabbi seiner Gefährtinnen damals in Galiläa und als Freund der Randständigen heute. Was die Stadt erwartet und was die Kirche lehrt, Franziskus stellt es in Frage. Er lernt Gesellschaft wie Kirche zu durchschauen. In der Begegnung mit den Verstossenen «ist mein Herz erwacht », schreibt er später in seinem Testament.

Die Krypta von San Masseo lässt Franziskus zu sich selber finden. Im Leprosorium von San Lazzaro an derselben Strasse weiter unten findet er zum Nächsten. Sich selbst annehmen und auch unliebsame Menschen lieb gewinnen sind untrennbar miteinander verknüpft: «Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!» In San Damiano findet Franziskus auch zur Gottesliebe: Der fern geglaubte Weltengott wird da zu seinem Meister, Bruder und Freund. Bisweilen braucht es nicht nur gute Momente, sondern auch bestimmt Orte, um zu einer neuen Sicht und einer neuen Liebe zu kommen.

Fussspuren folgen

Franziskus findet nach vier bewegten Jahren Sinnsuche sein neues Leben. Mit Gefährten wird er Jünger Jesu. Sie suchen, Frieden in Häuser und Städte zu bringen, Gottes Zuwendung zur Welt spürbar zu machen und das Evangelium in den Lebensalltag der Menschen sprechen zu lassen. «Den Fussspuren Jesu folgend» ziehen die Brüder sich aber auch regelmässig zurück.

Nach dem Vorbild Jesu, der  vierzig Tage in die Wüste ging, hält Franziskus sich immer wieder stille vierzig Tage in den Bergen des Tiber-, Spoleto- oder Rietitals auf. Wie Jesus Nächte oder Morgenstunden allein auf einem einsamen Hügel verbrachte, bevor er sich wieder in die Dörfer und Städte begab, will Franziskus Stille und Stadt alltäglich verbinden. Stunden im Schweigen lassen  nachklingen und tiefer verstehen, was im bewegten Alltagstreiben geschieht.

Der Blick von oben lässt die eigene Lebenswelt im Überblick sehen, Erfahrungen einordnen und zugleich zu dem aufschauen, der «mehr als alles» ist. Die Brüder lernen, ihren Tagen Rhythmen und ihrem Jahr Zeiten zu geben, die für Leib und Seele erholsam und nährend sind: stille Momente und Oasenzeiten, die sammelnd wirken, in die Tiefe führen und den Blick weiten.

Viele Menschen können sich regelmässige Rhythmen im Alltag, täglich meditative Zeiten und immer wieder grössere Time-outs nicht leisten. Rückzug und Sammlung sind jedoch auch klein und fein möglich. Wo erlaubt mir mein Alltag innezuhalten, zu mir selber zu kommen, Erlebtes nachklingen zu lassen und in Ruhe auf mich, meine Welt und meine Erfahrungen zu blicken? Wo findet meine Seele ihre Quellen?

Eine andere Sicht

Weil Franziskus die Stille zur Freundin gewinnt, das Evangelium als Wegspur erkennt und aus seiner Gottesfreundschaft lebt, sieht er vieles anders, urteilt liebevoller und handelt inspirierter als die Gesellschaft und die Kirche seiner Zeit.

Als der Bischof von Assisi die Brüder zur Annahme von Besitz drängt, erinnert Franziskus ihn an die Apostel, die mit leeren Händen durch die Welt zogen. Als Arezzos Parteien ihre Stadt an den Rand eines Bürgerkrieges treiben, bringt Franziskus sie betend und Silvestro handelnd zur Besinnung. Als Assisis Bürgermeister und Bischof einander befehden, dichtet Franziskus eine Friedensstrophe in den Sonnengesang, welche die Streithähne zu Tränen rührt und miteinander versöhnt.

Während der Papst Gläubige zur Unterstützung des Fünften Kreuzzugs verpflichtet, warnt Franziskus die Kreuzritter in Ägypten vor einem Waffengang und sucht den friedlichen Dialog mit dem Sultan der Moslems. So kommt es, dass die Weltreligionen sich heute zu ihren gemeinsamen Friedensgebeten in Assisi treffen, der Stadt eines gemeinsamen Propheten.

Wer gut sehen will, braucht oft etwas Distanz. Wer umsichtig urteilen will, braucht Zeit. Wer frei handeln will, braucht Klarheit.

Niklaus Kuster